Walter Kramer 28. Februar 1926 – 8. Juli 2015

Alles hat seine Zeit… Dennoch kommt dein Tod zu früh. Walter, verzeih, dass ich dich nicht mehr besucht habe! Verzeih auch, dass ich dir jahrelang Walti sagte, bis du mir einmal ganz lieb bedeutet hast, dass dir Walter schon lieber sei… Natürlich, in deiner Grossmut würdest du zu allem, was uns noch bedrückt, ein liebes «’S isch doch scho guet» verlauten lassen.

Der Kirchenchor Rafzerfeld verabschiedete dich in geselliger Runde und dennoch ehrenvoll an der Adventsfeier 2014, als du zum letzten Mal deine berühmten, schmackhaften und scharf gestochenen Anisbrötli mitbrachtest. An der Generalversammlung im März 2015 wurde dein Austritt offiziell vollzogen. Du hast weise deine Zeit als Sänger vollendet gesehen. Das letzte Werk, welches du mitsingen konntest, war mit unserem befreundeten Chor La Capella in Schaffhausen zusammen am Reformationssonntag 2014 Pachelbels Kantate «Was Gott tut, das ist wohlgetan». So wollen wir annehmen, was geschehen ist, wie du es uns auch immer vorgemacht hast. Wir behalten im Herzen ein unauslöschliches Andenken an dich als Sängerfreund und viel mehr darüber hinaus.

Du sangst mit einem sicheren, vollklingenden Bass, während 62 Jahren. In einer Notsituation hast du einst für sieben Jahre im Kirchenchor Wil das Dirigat übernommen, später warst du im Kirchenchor Rafzerfeld lange unentbehrlicher Vizedirigent, öfters wiederum Retter in der Not. Im Jahr 2007 wurdest du zum Ehrenmitglied ernannt.

Unvergesslich sind die von dir organisierten Reisen, zur Erinnerung etwa diejenige an die Donau und ins Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck, jene auf die Lüderenalp mit dem Besuch bei Paul Gysel, die Cisalpinofahrt nach Mailand oder der Ausflug nach Zillis in die Martinskirche, nach Juf und in die Rofflaschlucht. Und immer hast du uns an deinem unermesslichen Wissensschatz teilhaben lassen, hast uns Geschichten erzählt und auf solch kurzweilige Art zum Teil schwierige Zusammenhänge erklärt, dass auch ich dabei drausgekommen bin.

In Probenpausen oder mittendrin im Singen bist du ab und zu spontan aufgestanden und hast eine Anekdote zum Besten gegeben, aus deiner Zeit als Kirchgemeindepräsident berichtet, humorvoll Ergänzungen angebracht und beispielsweise den Psalm 23 in Mundart zitiert: das Bruchstück «Schänksch mir de Bächer hudelipudelivoll ii» kommt mir jedesmal in den Sinn, wenn wir den Psalm aus Peter Roths Messe oder das Gesangbuchlied Nr. 18 singen. Dein Leben war so, übervoll und reich, an Schönem und an Leidvollem. Wie aufmerksam du durch das Leben gingst, möge ein kleines Beispiel zeigen: Am Bettag 2004 nach dem Konzert in Wil zum 30-jährigen Jubiläum des Chors konntest du mir als Einziger genau sagen, wieviele Leute zuhörten: Es waren 198.

Zu deinem 80. Geburtstag hast du am 11. Juli 2006 den Chor zu dir in dein Haus eingeladen. Nebst der vortrefflichen Bewirtung bleiben uns die frohen Gesänge hoch über Wil, aber unter einem eindrücklichen Vollmond in lieber Erinnerung.

Mit mir verband dich die Freude an der Kunst noch besonders. Ich bewunderte dich als begabten Zeichner und du hast Freude gehabt an meinen abstrakten Werken. Ich stelle eine Bemerkung von dir an den Schluss dieses sehr persönlich gefärbten Nachrufs. Du sagtest nach einer von dir besuchten Ausstellung zu mir: «Weisch, für das mer es Bild ganz verschtaa chan, da defür mues mer lang, lang devorschtaa, vilicht e ganzi Schtund!» Ich finde, dies sagt ganz viel über den wunderbaren Menschen aus, den wir mit dir verloren haben.

Lydia Zwingli-Schweizer

Erstellt am 13.07.2015